Posts Tagged ‘Innovation’

Oliver Kalkofe hat den statistischen Verstand

Freitag, 16. Mai, 2008

Der „konstruktive Medienkritiker“ Oliver Kalkofe hat laut seinem Lebenslauf eine Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten und Wirtschaftsdolmetscher in Englisch und Französisch absolviert. In seiner Fernsehsendung „Kalkofes Mattscheibe“ führt er schlechtes Fernsehen vor und zeigt mit sehr deutlichen Mitteln, was er davon hält. Dieselben Mittel in Form eines ausgesuchten Wortschatzes verwendet er auch in seiner Kolumne „Kalkofes letzte Worte“, welche in der Fernsehzeitschrift „TV Spielfilm“ erscheint. Besonders in diesen Kolumnen wird deutlich, daß hinter seinen typischen Formulierungen eine Fülle an durchdachten Gedanken steckt.

In einer der jüngsten Kolumnen setzt er sich mit der Tendenz im Fernsehen auseinander, auf Innovation zu verzichten und stattdessen altbewährte Formate zu produzieren, weil sie nachgewiesenermaßen bisher Erfolg hatten (eine Kritik, die auch Gore Verbinski im Zusammenhang mit Videospielen geäußert hat). Dabei merkt Kalkofe an, daß die Verantwortlichen sich auf Statistiken stützen, welche darlegen, welche Faktoren – im untersuchten Zeitraum – zum Erfolg geführt haben. Er gibt zu bedenken, daß ein neues Format besser beim Publikum ankommen kann als ein übernommenes:

„Der maximale Effekt beim Gewinnen der Publikums-Sympathie ist nun mal nicht die Wiederholung, sondern die Überraschung! Der Zuschauer lässt sich in erster Linie begeistern von dem was NEU ist und von dem er vorher noch gar nicht wusste, dass es das überhaupt geben würde.“

Dieser Ansatz spiegelt sich bekanntlich auch im Kano-Modell wieder, wo eine Gruppe von Eigenschaften eines Produktes oder Dienstleistung, die „Erfreuer“ (engl. delighter), beim Kunden überproportional ankommen. Diese Erfreuer werden von Kunden nicht erwartet. Im Zusammenhang mit dem Umgang mit den Zuschaueranalysen kommt Kalkhofe zu einer der ultimativen Weisheiten über die Statistik:

„Die tollste Statistik kann … nur helfen, wenn man nicht zu blöd ist, sie auch richtig zu lesen.“

Besser hätte man das nicht ausdrücken können. Man kann wohl davon ausgehen, daß Oliver Kalkofe kein Experte in statistischen Methoden ist. Trotzdem ist er durch bloße Betrachtung der Programmgestaltung zu dieser Erkenntnis gekommen. Nebenbei bemerkt, kann besagte Unkenntnis nicht als Argument dafür genommen werden, daß Kalkofes Erkenntnis falsch ist.

In der Kolumne äußert Kalkofe noch eine weitere Kritik, welche noch über die entsprechende Kritik von Verbinski hinausgeht. Seiner Meinung nach haben vom Ausland übernommene deutsche Fernsehformate das Problem, daß sie Kopien der Originale darstellen, jedoch „ohne das, was das jeweilige Original eben überraschend oder überragend machte“. Ein anschauliches Beispiel aus der jüngsten Zeit ist die Fernsehserie „Das iTeam – die Jungs an der Maus“, welche eine Kopie der britischen Serie „The IT Crowd“ ist. Die deutsche Serie wurde nach zwei Folgen aus dem Programm genommen, aber glücklicherweise gibt es im Internet Vergleiche zwischen einzelnen Szenen wie in dieser Video-Kritik (so daß es einem glücklicherweise erspart bleibt, sich die Serie selber anzusehen). Man muß sich unweigerlich fragen, ob die Fernsehmacher bei ihren Werken sich überhaupt vergewissern, ob ihre Sendungen die beabsichtigte Wirkung beim Zuschauer überhaupt haben.

Lesern der Literatur von und über W. Edwards Deming ist dieses Phänomen wohlbekannt. Dort ist das klassische Beispiel vom Möbelhersteller zu finden, welches Klaviere herstellen wollte und zu diesem Zweck ein Klavier kaufte und auseinandernahm. Die so hergestellten Klaviere waren perfekte Kopien mit der Ausnahme, daß sie nicht spielen konnten (wie auch das Originalklavier, welches zwecks Rückgabe wieder zusammengebaut wurde). Ein weiteres Beispiel handelte von kopierten Kopiergeräten, welche nicht kopieren konnten.

Kalkofes Kolumne zeigt, daß wichtige Erkenntnisse (korrekter Umgang mit Statistik, Bedeutung von Innovation) auch von Leuten gemacht bzw. übernommen werden können, welche nicht aus dem Fachgebiet kommen (in diesem Fall Statistik bzw. Betriebswirtschaft).

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Statistiker-Schelte 3 – Gore Verbinski schießt gegen die Schlipsträger

Mittwoch, 7. Mai, 2008

Im Februar 2008 fand in Las Vegas der D.I.C.E Summit 2008 statt, ein jährlicher Gipfel der Videospiel-Produzenten. Die Grundsatzrede wurde von Gore Verbinski, der vor allem als Regisseur der „Fluch der Karibik„-Trilogie bekannt ist. Die Videospiel-Umsetzungen bildeten auch die Basis für seine Rede.

Gore Verbinski zeigte sich enttäuscht von den Umsetzungen, welche allgemein mäßige Kritiken bekommen haben. In seinen Worten hat sein Team mit den Filmen „Werte aus Nichts“ erschaffen, und er mußte zusehen, wie die Hersteller „Nichts aus den Werte“ erschaffen haben. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte zeitgleich mit den Filmen eine umfangreiche Multiplayer-Online-Version auf dem Markt erscheinen sollen. Der Grund, daß dies nicht geschah, sah er darin, daß die Spiele unter einem Merchandise-Gesichtspunkt gerieten, wo sie denselben Stellenwert wie ein Poster oder eine Aufziehpuppe hatten.

Laut Verbinski liegt das Problem darin, daß die meisten Spiele sich zu ähnlich sehen, da sie nur besseren Versionen von der selben Sache darstellen (wieso kommt einem hier EA Sports in den Sinn?) und nicht mal die Oberfläche dessen ausgelotet hätten, was hinsichtlich des menschlichen Erlebens möglich ist. Er stellte klar, daß das Publikum überrascht werden will und forderte, daß die kreativen Kräfte freigesetzt werden.

In diesem Zusammenhang machte Verbinski einen Seitenhieb gegen die Statistiker, indem er feststellte, daß die Daten nicht der Bösewicht sind, sondern daß es der Statistiker ist, der nicht sehen kann, daß die Stichprobe zu schmal ist, um genaue Schlußfolgerungen zu ziehen.

An dieser Stelle sollte man klarstellen, daß es nicht der Statistiker ist, der dies übersieht, sondern Leute, welche sich Statistiker bzw. statistischer Methoden bedienen. Das Problem entsteht dadurch, daß die Statistik entweder dazu dienen soll, eine gewünschte Politik abzusichern, oder daß die Grenzen der statistischen Methoden nicht gesehen werden. Wenn man den zukünftigen Weg eines Unternehmens nur nach den bisherigen Erfahrungen ausrichtet, dann kommt das laut Myron Tribus dem Versuch gleich, Auto zu fahren, indem man dabei durch die Heckscheibe sieht. Das hat einer Stichprobenerhebung allerdings nicht viel zu tun, wie Verbinski vermutet hatte, sondern mit einer Auslassung von Innovation. Ein richtiger Statistiker ist sich dieses Umstandes bewußt.

Natürlich spricht nichts dagegen, wenn man untersucht, welche Faktoren für den bisherigen Erfolg verantwortlich waren, um dann zu versuchen, den Erfolg zu wiederholen. Solange das funktioniert, ist dagegen auch nichts einzuwenden. Vom „Fluch der Karibik“ wurden übrigens auch zwei Fortsetzungen gedreht. Der Film selbst basiert auf der gleichnamigen Attraktion in Disneyland. Das entscheidende aber ist, daß es vor dem Start des ersten Filmes Zweifel gab, ob er überhaupt Erfolg haben kann. Schließlich zeigte die Erfahrung, daß Piratenfilme in den letzten Jahren gewaltige Mißerfolge waren, trotz Anstrengungen von Regisseuren wie Renny Harlin oder Roman Polanski. Das der Film Erfolg hat, beweist, daß es sich auszahlen kann, auch mal ungewöhnliche Wege zu gehen.

Abschließend läßt sich zu Verbinskis Forderungen sagen, daß man zwar nicht immer nur unerprobte Wege beschreiten kann und es ohne Statistik und Analyse der bisherigen Erfahrungen nicht geht, aber daß sie als Richtung, welche es zukünftig einzuschlagen gilt, grundsätzlich berechtigt sind und die Rede somit als verdienstvoll einzustufen ist. Da läßt sich auch die Kritik an die Statistiker verzeihen.

Wie geht man mit Bedenkenträgern um?

Donnerstag, 24. April, 2008

Für den Fortschritt ist es wichtig, daß Ideen eingebracht und umgesetzt werden können. Beim Einbringen einer Idee können zu diesem Zeitpunkt geäußerte Bedenken dazu führen, daß die Idee nicht weiter verfolgt wird. Ein Grund dafür ist, daß Leute sich oft eine Arbeitsweise angewöhnt haben und diese nicht ändern möchten. Nicht umsonst lautet einer der häufigsten Sätze im Betrieb: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Auf der anderen Seite kann es vorkommen, daß Ideen ohne Rücksicht auf Verluste durchgedrückt werden und Leute, welche Argumente gegen die Ideen vortragen, als Bedenkenträger und Störenfriede abgetan werden. In beiden Fällen werden wichtige Gelegenheiten für Verbesserungen verpaßt.

Der japanische Qualitätsexperte Shigeo Shingo hatte sich über dieses Problem schon früh Gedanken gemacht und Lösungen dafür in einem Buch veröffentlicht, welches in der japanischen Originalfassung schon 1958 veröffentlicht worden ist, aber erst seit dem letzten Jahr in einer englischen Übersetzung vorliegt. Kapitel 5, aus welchem die folgende Liste stammt, befaßt sich mit der Realisierung von Ideen.

Laut Shigeo Shingo lassen sich Bedenken in folgende 10 Kategorien einteilen:

  1. Bedenken aufgrund von Sonderfällen: Es werden Probleme geäußert, welche sich im Normalfall nicht ergeben, so daß sie in Wahrheit wenig Auswirkungen haben.
  2. Bedenken aufgrund Rosinenpickens bzw. Erbsenzählens: Es werden nur die guten Seiten des Status Quo bzw. nur die schlechten Seiten der Idee geäußert.
  3. Bedenken aufgrund falscher Maßstäbe: Wie das Potential einer Idee aussieht, hängt vom angelegten Maßstab bzw. den verwendeten Größen ab.
  4. Bedenken aufgrund von unvollständigen Beweisen: Einzelheiten, welche für eine Beurteilung wichtig sind, werden ausgelassen.
  5. Bedenken aufgrund eines falschen Kontextes: Eine Aussage wird so überliefert, daß sie eine andere Bedeutung enthält als die ursprüngliche.
  6. Bedenken aufgrund des Huhn-oder-Ei-Problems: Eine beliebte Diskussion lautet, ob das Huhn oder das Ei zuerst da war. Allgemein gesprochen wird darüber diskutiert, ob A von B verursacht wurde oder umgekehrt, wobei für beide Annahmen Argumente vorliegen.
  7. Bedenken aufgrund des Kaulquappen-Problems: Aus Kaulquappen entwicklen sich bekanntlich am Ende zu Fröschen. Trotzdem können sie in ihrem Kaulquappenstadium nicht mit Fröschen verglichen werden. Somit wird eine Entwicklung über die Zeit – wie bei Ideen im Versuchsstadium – übersehen.
  8. Bedenken aufgrund Schiefblickens: Es wird eingeräumt, daß man grundsätzlich für Verbesserungen ist, jedoch wird die aktuelle Idee (meist aufgrund eines Details) grundsätzlich für nicht umsetzbar befunden. Shigeo Shingo bezeichnete dies als die beliebteste Form des Bedenkens.
  9. Bedenken aufgrund Umkreisung: Eine Sache wird von einem anderen Blickwinkel betrachtet, so daß sich eine andere Sichtweise und somit eine andere Bewertung ergibt.
  10. Bedenken aufgrund Ausweichens: Bei einer Idee wird ein Problem angesprochen, welches gegen diese Idee spricht. Findet sich für das Problem eine Lösung, wird ein anderes Problem angesprochen.

Shigeo Shingo unterschied in der Bewertung von Ideen zwischen dem Managers- und dem Ingenieursinstinkt. Während der Manager Ideen nur dann Ideen aufgreift, wenn eine 100 % perfekte Umsetzung vorliegt, erprobt der Ingenieur jede Idee, sobald nur die geringste Aussicht auf Erfolg besteht, und führt im Verlauf eventuelle Verbesserungen durch. Daher sollten Ideen nicht durch Bedenken verhindert werden.

Auf der anderen Seite wird bei einer Betrachtung der 10 Kategorien deutlich, daß die geäußerten Bedenken meistens ein Zeichen dafür sind, daß das vorliegende Wissen nicht vollständig ist. Man sollte auch berücksichtigen, daß ein problematisches Detail bei der Umsetzung einer Idee nicht gegen die Idee selbst spricht, sondern nur gegen das Detail. Wird das Detail bei der Umsetzung der Idee berücksichtigt, so steigt die Aussicht, daß die Idee Erfolg hat. Aus diesem Grund befand Shingo, daß nur 1 Prozent der geäußerten Bedenken auf Inkompetenz oder bösem Willen zurückzuführen sind. Die restlichen 99 Prozent stellen sich als Ratschläge heraus.

Somit sollte die Beurteilung von Ideen und Bedenken unter dem Gesichtpunkt erfolgen, daß Verbesserungen überhaupt erprobt und so gut wie möglich umgesetzt werden können. Bedenken und die Leute, welche sie äußern, können unter diesem Gesichtspunkt in die Arbeit eingebunden werden.

Warum Innovation in Firmen nicht gerne gesehen wird

Montag, 17. März, 2008

Als Mitarbeiter einer Firma ist man oft der Versuchung ausgesetzt, eine Idee einzubringen. Grund dafür ist der Ruf, welchen Erfinder genießen und der Fortschritt, welcher gemeinhin mit Innovation verbunden wird. Oft ist man auch während der Ausbildung oder im Selbststudium mit Wissen in Kontakt gekommen, welches in der Firma nicht behandelt wurde. Allerdings erweisen sich solche Schritte in der Praxis als kontraproduktiv, da sie den Firmen eine Reihe von Problemen bereiten:

  • Eine Firma lebt davon, daß sie ihr Produkt oder ihre Dienstleistung in gleichbleibender Qualität anbietet. Das erfordert eine einheitliche Ausführung der Arbeit, welche dadurch gewährleistet wird, daß Vorschriften aufgestellt werden, deren Einhaltung streng überwacht wird.
  • Das Nachgehen eines Vorschlages erfordert Zeit und Geld. Beides sollte besser für die Arbeit verwendet werden.
  • Mit der Äußerung eines Vorschlages wird meistens unterstellt, daß man die bisherige Firmenpraxis nicht für die beste hält oder daß es Probleme gibt, welche nicht behandelt wurden. Die Firma ist jedoch darauf angewiesen, daß die Praktiken oder die Firmenkultur von den Mitarbeitern nicht in Frage gestellt wird. Außerdem wirken sich Beschwerden schlecht auf die Stimmung und somit auf die Arbeitsleistung aus.
  • Wird mit dem Vorschlag eine Verbesserung der Produktivität oder ähnliches beabsichtigt, so zielt er in der Regel auf eine Veränderung des Systems, in welchem die Mitarbeiter tätig sind, ab. Dies läuft auf eine Leugnung der Verantwortung der Mitarbeiter für die Ergebnisse der Firma hinaus. Außerdem sind etwaige Veränderungen des Systems eine Sache der Firmenleitung.
  • Es ist nicht selbstverständlich, daß der von Innovationen versprochene Nutzen tatsächlich eintrifft. Dies liegt zum Teil daran, daß Ideen für Innovationen oft in Unkenntnis des bestehenden Wissens und teilweise sogar durch willkürliche Kombination von einander fremden Gebieten formuliert werden. Etwaige Erfolge sind somit nur dem Zufall zuzuschreiben.
  • Auch wenn sichergestellt wird, daß Ideen auf absolute Fachkenntnis gründen, ist damit nicht sichergestellt, daß die entsprechende Innovation Erfolg hat.
  • Mündet die Innovation trotzdem in ein Produkt, eine Dienstleistung oder eine andere Praxis, so tragen sie oft noch Kinderkrankheiten in sich, deren Ausmerzung sowie weitere Verbesserungen mit weiterem Aufwand verbunden ist.

Diese Punkte führen zu dem Schluß, daß es die Professionalität gebietet, daß ein Mitarbeiter sich auf seine Arbeit konzentriert, anstatt die Abläufe in der Firma zu behindern.

Es kann allerdings vorkommen, daß eine Firma das Potenzial in einer erfolgreichen Innovation sieht. In diesem Fall werden Maßnahmen getroffen, welche die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges erhöhen und den Schaden von Mißerfolgen vermindern. Ein wesentliches Element ist die Ausweitung des Wissens, welches für Entscheidungen herangezogen wird. Da anzunehmen ist, daß die Mitarbeiter das Wissen auf keinen Fall reduzieren, sondern allenfalls erweitern können, werden in solchen Firmen Ideen der Mitarbeiter als eine möglicherweise gute Sache angesehen.