Heimvorteil im niederländischen Fußball

Vor kurzem habe ich in einem Beitrag über eine Methode berichtet, um den Heimvorteil einer Fußballmannschaft während einer Saison zu berechnen (Details siehe dort). Der Heimvorteil einer Mannschaft ist definiert als die durchschnittliche Verbesserung der Tordifferenz pro Spiel zugunsten dieser Mannschaft, wenn sie auf ihrem eigenen Platz spielt. Die Berechnungsmethode habe ich auf die Mannschaften der 1. und 2. Bundesliga angewandt. Ein wesentlicher Aspekt bei der Analyse ist, daß die Resultate einer Saison wenig über den Heimvorteil einer bestimmten Mannschaft aussagen, sondern daß man dafür Mittelwerte über mehrere Jahre benötigt. Eine weitere Beobachtung, welche auch im zugrundelegenden Artikel gamcht wurde, war, daß die Entfernung eines Vereins zu den anderen Mannschaften einen wichtigen Einfluß auf den Heimvorteil einer Mannschaft hatte; je abgelegener eine Spielstätte war, desto besser waren die Heimergebnisse gegenüber den Auswärtsergebnissen.

Diese Methode habe ich jetzt nach Ablauf der Saison auf die Mannschaften der beiden höchsten niederländischen Spielklassen, der Eredivisie sowie der Eerste Divisie, angewandt. Die Analyse gewinnt einen besonderen Reiz durch den Umstand, daß über lange Jahre dieselben Mannschaften im bezahlten Fußball spielten, da aus der Eerste Divisie normalerweise (also sportlich) keine Mannschaften absteigen oder in sie aufsteigen. Zuletzt wurden 2003/04 der AGOVV Apeldoorn und 2005/06 der FC Omniworld aus Almere aufgenommen. Der KNVB plant für die Zukunft die Einrichtung einer Topklasse zwischen der Eerste Divisie und der Amateurklasse mit einer sportlichen Auf- und Abstiegsregelung. Diese Pläne werden jedoch frühestens 2009 in die Tat umgesetzt.

Durch die besonderen Gegebenheiten bin ich dazu übergegangen, für die Berechnung des Heimvorteils statt der letzten 10 Jahre die letzten 15 Jahre heranzuziehen. Daß die Saisonresultate auch in den Niederlanden stark schwanken, kann man an dem in den letzten Jahren erfolgreichsten Verein, dem PSV Eindhoven, sehen. Der Heimvorteil, welcher insgesamt zu der höheren im niederländischen Fußball gehört, wies eine der stärksten Varianzen auf:

Heimvorteil des
PSV Eindhoven
Saison Heimvorteil
1993/94 0,290
1994/95 1,397
1995/96 1,066
1996/97 1,978
1997/98 1,143
1998/99 1,515
1999/00 0,382
2000/01 – 0,228
2001/02 1,934
2002/03 – 0,257
2003/04 – 0,482
2004/05 – 0,195
2005/06 0,022
2006/07 1,070
2007/08 0,445

Der Heimvorteil des PSV schwankte in den letzten 15 Jahren somit zwischen -0,482 und +1,978. Im Durchschnitt ergibt das einen Heimvorteil von 0,672. Trotz der großen Varianz in den Spielzeiten ist dieser Mittelwert signifikant größer als Null.

Wie für den deutschen Fußball wurde nun für die anderen Mannschaften der ersten und zweiten Spielklasse der Heimvorteil berechnet. Dabei liegen für 36 Mannschaften Ergebnisse der letzten 15 Jahre vor. Der AGOVV Apeldorn spielt seit 5 Jahren im bezahlten Fußball mit. Der FC Omniworld ist erst seit 3 Jahren dabei, was für eine aussagefähige Schätzung nicht ausreicht:

Heimvorteil der Fußballvereine
der niederländischen Eredivisie und der Eerste Divisie
Spielzeiten 1993/94 bis 2007/08
Platz Verein Spielzeiten Heimvorteil
1. AGOVV Apeldoorn 5 1,216
2. Willem II Tilburg 15 0,910
3. FC Volendam 15 0,733
4. FC Groningen 15 0,689
5. FC Utrecht 15 0,685
6. PSV Eindhoven 15 0,672
7. MVV Maastricht 15 0,667
8. Go Ahead Eagles Deventer 15 0,646
9. Ajax Amsterdam 15 0,630
10. Sparta Rotterdam 15 0,629
11. Roda JC Kerkrade 15 0,622
12. RBC Roosendaal 15 0,570
13. ADO Den Haag 15 0,547
14. Feyenoord Rotterdam 15 0,535
15. De Graafschap Doetinchem 15 0,534
16. FC Eindhoven 15 0,504
17. FC Emmen 15 0,493
18. SC Heerenveen 15 0,489
19. FC Twente Enschede 15 0,476
20. Helmond Sport 15 0,469
21. FC Zwolle 15 0,463
22. TOP Oss 15 0,423
23. HFC Haarlem 15 0,419
24. RKC Waalwijk 15 0,383
25. Cambuur Leeuwarden 15 0,378
26. VVV Venlo 15 0,372
27. FC Dordrecht 15 0,370
28. AZ Alkmaar 15 0,367
29. Vitesse Arnhem 15 0,360
30. Heracles Almelo 15 0,342
31. FC Den Bosch 15 0,334
32. Excelsior Rotterdam 15 0,329
33. FC Omniworld (Almere) 3 0,299
34. NEC Nijmegen 15 0,291
35. Stormvogels Telstar (Velsen) 15 0,278
36. NAC Breda 15 0,203
37. BV Veendam 15 0,091
38. Fortuna Sittard 15 0,056

(kursiv: Manschaften mit weniger als 5 Spielzeiten)

(Quellen: Soccerway, RSSSF)

Neben dem AGOVV Apeldoorn, der allerdings erst seit 5 Jahren vertreten ist, erwiesen sich der FC Volendam und vor allem Willem II Tilburg als Vereine, welche über die Jahre einen hohen Heimvorteil aufwiesen. Am anderen Ende der Tabelle kann man Fortuna Sittard und der BV Veendam als Vereine mit geringem Heimvorteil bezeichnen. Den größten Heimvorteil in einer Saison verzeichnete der FC Emmen in der Saison 1993/94 mit einem Wert von 2,515. Den geringsten Heimvorteil in einer Saison wies der FC Eindhoven (nicht identisch mit dem PSV) in der Saison 2006/07 mit einem Wert von -1,658 auf.

Auch hier stellt sich die Frage, welche Faktoren über den Heimvorteil einer Mannschaft entscheiden. Bei Tilburg und Volendam (und zu einem gewissem Grade bei Apeldoorn) kann man von einem hohen Heimvorteil sprechen, welcher auf besondere Gegebenheiten dieser Vereine zurückzuführen sein dürfte. Das selbe kann man für die geringen Heimvorteile von Sittard und Veendam aussagen. Für die Masse der Vereine müssen allgemeine Schlußfolgerungen gezogen werden.

Für Deutschland und England gibt es Anzeichen, daß die Abgelegenheit einer Spielstätte über den Heimvorteil entscheidet. Für die Niederlande kann man so einen Zusammenhang ohne genauere Analyse nicht so einfach ziehen. So weist der hoch im Norden gelegene FC Groningen einen hohen Heimvorteil auf, der in ca. 50 km Entfernung spielende Emmen jedoch nicht. Ebenso hat der in der Randstad gelegene FC Utrecht einen hohen Heimvorteil auf, die in Südlimburg spielende Fortuna Sittard jedoch nicht. Es kann sein , daß die Entfernung in den Niederlanden keinen so großen Einfluß hat oder daß bei den „untypischen“ Vereinen besondere Faktoren vorliegen.

Der AGOVV Apeldoorn in den ersten 5 Jahren im bezahlten Fußball – auch gemessen an diesen wenigen Jahren – gute Heimergebnisse erzielt. Man könnte nun vermuten, daß die Tatsache, das es sich um einen Neuzugang handelt, eine Rolle spielt. Allerdings scheint sich dies für den FC Omniworld bisher nicht ausgezahlt zu haben. Das zeigt wiederum, daß man für eine Vermutung nicht nur Beispiele betrachten sollte, welche diese Vermutung belegen.

Der nächste Schritt wäre, wie bei den anderen untersuchten Ländern, den zeitlichen Verlauf des Heimvorteils der einzelnen Mannschaften daraufhin zu betrachten, ob sich dort etwas besonderes ereignet hat. Das können Trends, Änderungen im Niveau oder Jahre mit ungewöhnlichen Resultaten sein.

Die Analyse des niederländischen Fußballs hat mich dazu ermutigt, nach Abschluß der aktuellen Bundesligasaison den Zeitraum ebenfalls auf 15 Jahre auszuweiten.

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Eine Antwort to “Heimvorteil im niederländischen Fußball”

  1. Heimvorteil im deutschen Fußball: Bilanz 1994-2008 « Zahlenpeter’s Weblog Says:

    […] bis 2007 berechnet, um den typischen Heimvorteil einer Mannschaft zu ermitteln. In einem weiteren Beitrag habe ich die Mannschaften der beiden höchsten niederländischen Spielklassen, der Eredivisie sowie […]

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