Wie geht man mit Bedenkenträgern um?

Für den Fortschritt ist es wichtig, daß Ideen eingebracht und umgesetzt werden können. Beim Einbringen einer Idee können zu diesem Zeitpunkt geäußerte Bedenken dazu führen, daß die Idee nicht weiter verfolgt wird. Ein Grund dafür ist, daß Leute sich oft eine Arbeitsweise angewöhnt haben und diese nicht ändern möchten. Nicht umsonst lautet einer der häufigsten Sätze im Betrieb: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Auf der anderen Seite kann es vorkommen, daß Ideen ohne Rücksicht auf Verluste durchgedrückt werden und Leute, welche Argumente gegen die Ideen vortragen, als Bedenkenträger und Störenfriede abgetan werden. In beiden Fällen werden wichtige Gelegenheiten für Verbesserungen verpaßt.

Der japanische Qualitätsexperte Shigeo Shingo hatte sich über dieses Problem schon früh Gedanken gemacht und Lösungen dafür in einem Buch veröffentlicht, welches in der japanischen Originalfassung schon 1958 veröffentlicht worden ist, aber erst seit dem letzten Jahr in einer englischen Übersetzung vorliegt. Kapitel 5, aus welchem die folgende Liste stammt, befaßt sich mit der Realisierung von Ideen.

Laut Shigeo Shingo lassen sich Bedenken in folgende 10 Kategorien einteilen:

  1. Bedenken aufgrund von Sonderfällen: Es werden Probleme geäußert, welche sich im Normalfall nicht ergeben, so daß sie in Wahrheit wenig Auswirkungen haben.
  2. Bedenken aufgrund Rosinenpickens bzw. Erbsenzählens: Es werden nur die guten Seiten des Status Quo bzw. nur die schlechten Seiten der Idee geäußert.
  3. Bedenken aufgrund falscher Maßstäbe: Wie das Potential einer Idee aussieht, hängt vom angelegten Maßstab bzw. den verwendeten Größen ab.
  4. Bedenken aufgrund von unvollständigen Beweisen: Einzelheiten, welche für eine Beurteilung wichtig sind, werden ausgelassen.
  5. Bedenken aufgrund eines falschen Kontextes: Eine Aussage wird so überliefert, daß sie eine andere Bedeutung enthält als die ursprüngliche.
  6. Bedenken aufgrund des Huhn-oder-Ei-Problems: Eine beliebte Diskussion lautet, ob das Huhn oder das Ei zuerst da war. Allgemein gesprochen wird darüber diskutiert, ob A von B verursacht wurde oder umgekehrt, wobei für beide Annahmen Argumente vorliegen.
  7. Bedenken aufgrund des Kaulquappen-Problems: Aus Kaulquappen entwicklen sich bekanntlich am Ende zu Fröschen. Trotzdem können sie in ihrem Kaulquappenstadium nicht mit Fröschen verglichen werden. Somit wird eine Entwicklung über die Zeit – wie bei Ideen im Versuchsstadium – übersehen.
  8. Bedenken aufgrund Schiefblickens: Es wird eingeräumt, daß man grundsätzlich für Verbesserungen ist, jedoch wird die aktuelle Idee (meist aufgrund eines Details) grundsätzlich für nicht umsetzbar befunden. Shigeo Shingo bezeichnete dies als die beliebteste Form des Bedenkens.
  9. Bedenken aufgrund Umkreisung: Eine Sache wird von einem anderen Blickwinkel betrachtet, so daß sich eine andere Sichtweise und somit eine andere Bewertung ergibt.
  10. Bedenken aufgrund Ausweichens: Bei einer Idee wird ein Problem angesprochen, welches gegen diese Idee spricht. Findet sich für das Problem eine Lösung, wird ein anderes Problem angesprochen.

Shigeo Shingo unterschied in der Bewertung von Ideen zwischen dem Managers- und dem Ingenieursinstinkt. Während der Manager Ideen nur dann Ideen aufgreift, wenn eine 100 % perfekte Umsetzung vorliegt, erprobt der Ingenieur jede Idee, sobald nur die geringste Aussicht auf Erfolg besteht, und führt im Verlauf eventuelle Verbesserungen durch. Daher sollten Ideen nicht durch Bedenken verhindert werden.

Auf der anderen Seite wird bei einer Betrachtung der 10 Kategorien deutlich, daß die geäußerten Bedenken meistens ein Zeichen dafür sind, daß das vorliegende Wissen nicht vollständig ist. Man sollte auch berücksichtigen, daß ein problematisches Detail bei der Umsetzung einer Idee nicht gegen die Idee selbst spricht, sondern nur gegen das Detail. Wird das Detail bei der Umsetzung der Idee berücksichtigt, so steigt die Aussicht, daß die Idee Erfolg hat. Aus diesem Grund befand Shingo, daß nur 1 Prozent der geäußerten Bedenken auf Inkompetenz oder bösem Willen zurückzuführen sind. Die restlichen 99 Prozent stellen sich als Ratschläge heraus.

Somit sollte die Beurteilung von Ideen und Bedenken unter dem Gesichtpunkt erfolgen, daß Verbesserungen überhaupt erprobt und so gut wie möglich umgesetzt werden können. Bedenken und die Leute, welche sie äußern, können unter diesem Gesichtspunkt in die Arbeit eingebunden werden.

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Eine Antwort to “Wie geht man mit Bedenkenträgern um?”

  1. Umkreisung am Beispiel der Kurzgeschichte “Känsterle” « Zahlenpeter’s Weblog Says:

    […] am Beispiel der Kurzgeschichte “Känsterle” Kurz nachdem ich meinen Beitrag über den Umgang mit Bedenkenträgern verfaßt hatte, erinnerte ich mich an eine Begebenheit aus meiner Schulzeit. Einmal (ich glaube, es […]

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